Was ist die KBL?
Der Kabelbaum ist eines der komplexesten Teile eines modernen Fahrzeugs. Dementsprechend hoch
sind die Anforderungen an die zugehörigen Prozesse bei Entwicklung und Fertigung.
Die KBL (Kabelbaumliste; engl. Harness Description List) ist eine offizielle Empfehlung des
VDA für den Austausch standardisierter
Produktdaten. Der auf STEP (AP 212) abgebildete Standard wird im Rahmen der
Arbeitsgruppe Fahrzeugelektrik im
Arbeitskreis CAD/CAM kontinuierlich weiterentwickelt - unter Beteiligung von
4Soft-Mitarbeitern.
4Soft bietet das kostenfreie Werkzeug
kbl4all an, mit dem
sich KBL-Dateien überprüfen und anzeigen lassen.
Die Herausforderung
Besonders fordernd werden Entwicklung und Fertigung von Kabelbäumen durch die hohe Anzahl an
Varianten für individuell ausgestattete Fahrzeuge. Sowohl bei den Automobilherstellern (OEMs) als
auch bei den Zulieferern führen Reibungsverluste in den eigenen Prozessen oder bei der
Zusammenarbeit miteinander deshalb unter Umständen zu unnötigen Kosten oder Qualitätsproblemen.
Typische Symptome sind:
- Daten werden aufwändig und fehleranfällig von Hand übertragen.
- Missverständnisse beeinträchtigen die Qualität und machen Iterationen nötig.
- Ergebnisse werden mehrfach erarbeitet, obwohl sie anderswo bereits vorliegen.
- Die Prozesse und ihre Ergebnisse sind schwer nachzuvollziehen.
Die Zulieferer müssen in ihrer Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Herstellern außerdem auch
mit teilweise sehr spezifischen Prozessen und Austauschformaten umgehen und können dadurch
Synergiepotenziale oft nicht nutzen.
Der Entwicklungsprozess
Ein durchdachter, IT-gestützter Entwicklungsprozess auf Basis von Standards wie der KBL kann
wesentliche Verbesserungen und Kostensenkungen bringen. Der im Folgenden skizzierte, stark
idealisierte Prozess basiert auf unseren Erfahrungen in Kundenprojekten und in der
Arbeitsgruppe Fahrzeugelektrik im
Arbeitskreis CAD/CAM des
VDA.
Der Entwurf des Kabelbaums beginnt, nachdem die elektronischen Bauteile im Fahrzeug und ihre
logischen Funktionen weitgehend feststehen. Zunächst werden die elektrologische Verschaltung der
Komponenten und die geometrische Verlegung des Kabelbaums im Fahrzeug entworfen. Außerdem wird der
Kabelbaum in sogenannte Module zerlegt.
Zur Bewertung der Kabelbaumarchitektur fließen die elektrologischen und die geometrischen Daten
zusammen: Die elektrologischen Verbindungen werden entlang der Kabelbaumtopologie „gerouted“. Aus
einer Komponentenbibliothek kommen die nötigen Anschlagteile bzw. Kontaktteile für den Anschluss
der Leitungen an die Verbindungselemente hinzu. Diese Bordnetzarchitektur wird iterativ so lange
bewertet und verfeinert, bis ein optimales Ergebnis erreicht ist (siehe
Abbildung 1).
Am Ende dieses Optimierungsprozesses dokumentiert die sogenannte Kabelbaumliste, kurz KBL, den
Entwicklungsstand. Der VDA-Standard ist auf den STEP-Standard AP 212 abgebildet und beschreibt den
Kabelbaum idealerweise mit allen Informationen, die ein Zulieferer
benötigt.
Abbildung 1: Kabelbaumentwicklungsprozess
Der dargestellte Prozess basiert auf dem Gedanken, dass die Ausstattung eines Fahrzeugs mit
Elektronik weitgehend unabhängig von seiner Form ist. Die Entwicklung der Elektrologik kann damit
weitgehend unabhängig von der Entwicklung der Geometrie erfolgen. Die Vielzahl möglicher
Kombinationen aus Elektrologik und Geometrie bleibt dadurch beherrschbar. Erst ein nachgelagerter
Schritt führt beide Welten zur Bordnetzarchitektur zusammen.
Die IT-Systeme
Am Kabelbaumentwicklungsprozess sind eine Reihe von Software-Systemen beteiligt, wie in
Abbildung 2 skizziert. Dazu gehören insbesondere die Autorentools für die
Schaltplanentwicklung sowie für die Erstellung der Geometrie (2D/3D). Die Daten aus den
Autorentools werden von einem speziellen PDM-System verwaltet, das auch die Konfiguration von
Varianten, die Moduldefinition und den Export der Kabelbaumliste unterstützt. Eine
Komponentenbibliothek hält die Informationen über vorhandene Kabelbaumkomponenten, Verbinder und
Leitungen.
Abbildung 2: Werkzeuge im Kabelbaumentwicklungsprozess
Alle Systeme verfügen über Schnittstellen für den Datenaustausch. Dieser sollte nicht nur
innerhalb des Automobilherstellers gewährleistet sein, sondern auch zwischen Herstellern und
Zulieferern.